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Emder Zeitung, 25.11.2009

Datum:

25.11.2009

Inhalt

Eine andere Art der Begegnung

Arbeitsgemeinschaft für Be­hinderte betreibt Gastrono­mie in den Pelzerhäusern.

Von EZ-Redakteurin

UTE LIPPERHEIDE

049 21/89 00 416

Emden. Nicht um Theorie, sondern um Praxis geht es beim Vorhaben der Arbeitsgemeinschaft für integrative Leistungen in Ostfriesland e.V. („Agilio"), die Gastronomie in den Pelzerhäusern zu übernehmen. „Hier wird praktisch verwirklicht, dass behinderte und nichtbehinderte Menschen einander zwanglos be­gegnen können", sagte Dieter Peters, Geschäftsführer von Agilio, gestern während einer Feierstunde anlässlich des Pachtvertrages.

Agilio, die OBW und die Lebenshilfe sowie das Landesmu­seum haben gemeinsam ein Konzept entwickelt, um die Gastronomie in den Häusern wieder zu beleben und auch das kulturelle Programm zu erweitern. „Ich wünsche diesem Haus viel Leben in der Bu­de. Der Zweck der Pelzerhäuser war und ist es, aus der Ge­schichte sinnvolles zu gestal­ten und das haben wir hier er­reicht", sagte Oberbürgermeis­ter Alwin Brinkmann.

Sieben Behinderte haben dort eine Anstellung bekommen; Peters: „Bei der OBW wird seit Jahrzehnten gezeigt, dass Behinderte hoch qualifi­zierte Arbeit leisten können.

Der Dienstleistungsbereich war bisher noch etwas unterrepräsentiert. Das wird sich jetzt än­dern." Zwei Nichtbehinderte, die entsprechende Ausbildun­gen sowohl im gastronomi­schen als auch sozialpädagogi­schen Bereich haben, sind ebenfalls im „Kulturcafe" be­schäftigt.

„Bei diesem Projekt steht nicht der kommerzielle Erfolg im Vordergrund, sondern hier geht es um Begegnungen", sagte Burkhardt Zirpins, Ge­schäftsführer der OBW. Gerade die kommerzielle Seite konnte bei den vielen Anläufen, eine Gastronomie in den Pelzerhäusern zu etablieren, bisher nicht befriedigt werden. „Für einen privaten Geschäftsmann war das nicht rentabel. Das verhin­dert die Lage des Hauses und auch die innere Logistik", sagte

Brinkmann. Für ihn, wie für die gesamte Stadtverwaltung, sei es ein „Selbstläufer" gewe­sen, den Plan zu verwirklichen, in den Pelzerhäusern dieses Gastronomiekonzept umzusetzen.

Es war die Vorsitzende von Agilio und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Emden, Okka Fekken, die diese Idee einbrachte. Gemeinsam mit dem ehemaligen Leiter des Landesmuseums, Dr. Friedrich Scheele, entwickelte man einen Entwurf. „Wir sind sehr froh, unsere Pelzerhäuser jetzt so aufwerten zu können. Das ist jetzt eine attraktive gelebte Begegnungsstätte", sagte der kommissarische Museumsleiter Dr. Wolf gang Jahn. Eine neue Seite im Kapitel der ältesten Emder Bürgerhäuser werde aufgeschlagen. Jahn: „Zwei Partner, Agilio und wir, werden gemeinsam diese Stätte der Kunst und Kultur ausbauen."

Für den Vorsitzenden der Lebenshilfe e.V., Ortsverein Emden, Dr. Hindrikus Klugkist, „besitzt Emden jetzt ein beispielhaftes Projekt" für die Integration von Behinderten. Er warnte davor, vor lauter „Individualität nicht in die Iso­lation" zu fallen. Solche Ein­richtungen verhinderten dies.

Okka Fekken, selber Mutter einer behinderten Tochter, gab den über 50 geladenen Gästen, darunter Vertreter aus Rat und Verwaltung, einen ganz persönlichen Einblick in das Emp­finden und Erleben von Eltern mit behinderten Kindern. Da­bei sprach sie von den Aus­grenzungen und Verletzungen: „Gesellschaftliche Teilhabe darf keine Worthülse bleiben." Fekken lobte die „sehr gute Zusammenarbeit" bei der Umset­zung ihrer Idee: „Hier in Em­den hat nie jemand gefragt ob wir das machen, sondern nur, wie es umgesetzt werden kann."

Alle Beteiligten wünschen sich viel Zuspruch für das Haus. Dabei sei allen bewusst, dass es Durststrecken geben werde. Peters: „Wir haben hier viel vor, eine gute, regionale und saisonale Gastronomie mit möglichst vielen Gesellschaften und ein kulturelles Ange­bot, mit Musik, Lesungen und anderen Dingen."

Pelzerhäuser

Beide Pelzerhäuser sind die einzig erhalten gebliebenen Renaissance-Bürgerhäuser an der mittelalterlichen Pelzhändlerstraße (heute Pelzerstraße 11/12) im Altstadtbereich. Sie vermitteln den Eindruck eines Gebäudetyps im flämisch-niederländischen Stil des 16. Jahrhunderts. Pelzerhaus Nummer 11 wurde etwa ab 1570 am früheren Lauf der Ems errichtet, we­nig später folgte das Nachbar­haus. Die Häuser stammen aus der Blütezeit Emdens, als die Stadt in Handel und Wirtschaft florierte. Während die Fassade zur Pelzerstraße 1909 unter Verwendung alter Sandsteine völlig erneuert wurde, ist der Kern des Hauses Originalsubstanz aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts.

Typische „Wasser-Bakken" zur Trinkwasserversorgung finden sich wie zahlreiche Ansätze alter Kamine und frühe­rer Seitenfenster. Pelzerhaus 12 besitzt im oberen Teil der Fassade noch den Giebel der Zeit vor 1600, während das dahinter liegende Gebäude um 1983 komplett renoviert wurde. Im Erdgeschoss befinden sich eine historisch eingerich­tete Teestube und ein Kamin-Zimmer, die Gastronomie. Auf allen Etagen der beiden Häuser werden Kunstausstellungen des Landesmuseums gezeigt. Außerdem kann man sich im Eingangsraum von Pelzerhaus 11 trauen lassen.

EZ Kommentar

UTE LiPPERHEIDE zu den Pelzerhäusern

Ehrgeizige Ziele

Ein neuer Treffpunkt für Kulturinteressierte ist in der Stadt mit dem neuen Konzept in den Pelzerhäusern geschaffen worden. Nicht nur Sonderschauen des Landesmuseums werden dort weiterhin zu sehen sein, sondern auch die Gastro­nomie ist jetzt wieder belebt worden. Das Besondere daran: Dort arbeiten Menschen mit Behinderung (Seite 3).

„Agilio" will daraus - gemeinsam mit OBW und Lebenshilfe - ein Vorzeigeprojekt machen. In Emden gab es bisher keinen Ort, an dem Nichtbehinderte und Behinderte zwanglos ein­ander begegnen konnten. Mit dem Vorhaben in den Pelzerhäusern ist ein solcher Raum entstanden. Die Akteure haben sich ehrgeizige Ziele gesteckt, denn neben der Gastronomie soll auch das Kulturprogramm erweitert werden. Für die In­nenstadt und das kulturelle Leben Emdens ist zu wünschen, dass dieses Vorhaben gelingt.

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