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Überschrift
General Anzeiger, 26.01.2012
Datum:
26.01.2012
Inhalt
RHAUDERFEHN: NEUE TAGESSTÄTTE FÜR PSYCHISCH KRANKE
Anlaufstelle für den Weg zurück ins Leben
HILFE Bis zu 17 Menschen mit seelischen Leiden werden in der Einrichtung am Rajen betreut
Ziel ist es, Ängste abzubauen, verschüttete Talente freizulegen und die Erkrankten beim Annähern an die Gesellschaft zu begleiten. Die Betroffenen wie Edith Damköhler aus Ostrhauderfehn sind dankbar.
OSTRHAUDERFEHN – Fast sechs Jahre ist es her, als das Leben von Edith Damköhler sich schlagartig wandelte. Es war der Tag, als ihr Ehemann starb. Der Schmerz über den Verlust war so groß, dass sie nicht mehr wusste, wohin mit sich. „Schlagartig verlor ich die vorherige Lebenslust, ich wurde von Angst und Panik gepackt, war wie gelähmt, bekam immer wieder Luftnot“, sagt die Ostrhauderfehnerin. Sie trudelte, fiel in ein schwarzes Loch – doch sie wurde aufgefangen.
Für eine kürzere Zeit ließ sie sich im Emder Klinikum stationär helfen. Dann bot man ihr an, sich den Angeboten der „Tandem“-Tagesstätte für psychisch Kranke in Leer anzuschließen, die von der Ostfriesischen Beschäftigungs- und Wohnstätten-Gesellschaft (obw) organisiert ist. „Ich konnte und wollte meine Kinder und Enkel, die nicht vor Ort leben, nicht mehr als nötig damit belasten und einbeziehen“, sagt die Seniorin.
Gemeinsam mit anderen Betroffenen und mit der Hilfe von Ergotherapeuten und Sozialpädagogen erobert sie seitdem Mut zurück, hat ein Stück ihrer Zuversicht zurückgewonnen und Kraft wiedererlangt, um sich den Aufgaben des Alltags zu stellen, das Leben zu strukturieren. Bis zum vergangenen Herbst besuchte sie die „Tandem“-Tagesstätte in Leer, bis die obw im November 2011 in Westrhauderfehn ihre neue Tagesstätte öffnete – am Rajen, im Eckhaus, in dem auch die Postfiliale ihren Sitz hat, zwischen Rathaus und Fehn- und Schifffahrtsmuseum. Gestern wurde das Haus offiziell eröffnet. „Dort habe ich mein zweites Zuhause gefunden“, sagt Damköhler. Acht weitere Betroffene besuchen gemeinsam mit der Ostrhauderfehnerin die Einrichtung, um dort Hilfe und Unterstützung zu finden. Mit ganz unterschiedlichen seelischen Problemen kämpfen sie. Manche sind tief von Ängsten gepackt, lassen aus blinder Sorge Briefe ungeöffnet und unbeantwortet. Andere ringen mit unsichtbaren Hürden, wenn es gilt, Dinge anzupacken, haben das Zutrauen in sich selbst und ihre Zuversicht verloren, hadern mit ihrem Lebensweg. Bei manchen sind über Jahre Kontakte und Tages-Strukturen geschwunden, mitunter essen sie nicht regelmäßig, im Haushalt ist vieles liegengeblieben, wie sich das ganze Leben unaufgeräumt zeigt, in dem die unerledigten Aufgaben sich zu einem Berg auftürmen, der sie zu erdrücken scheint. Für bis zu 17 Plätze ist die Tagesstätte aktuell ausgelegt, ein Sozialpädagoge, eine Ergotherapeutin, die Leiterin Erika Bruns und eine Jahrespraktikantin kümmern sich um die Betroffenen.
In der „Tandem“-Tagesstätte in Westrhauderfehn lernen die Betroffenen, sich wieder ans Leben heranzurobben, in die Gesellschaft zurückzukehren, Stress-Situationen abzufedern, ihre Selbstständigkeit wiederzuerlangen und auch, möglicherweise ihre Fähigkeiten neu einzubringen. Im Erdgeschoss von Edith Damköhlers zweitem Zuhause gibt es ein Café, wo sie mit den anderen Betroffenen, aber auch mit Angehörigen oder den Betreuern zusammensitzen kann, im Obergeschoss gibt es einen hellen Speisesaal, wo die Besucher frühstücken, wo sie spielen oder sich in kleinen Gruppen unterhalten können. In einem Raum können die Betroffenen neue kreative Talente entdecken und erproben, Engel basteln, nähen, malen oder stricken – was Damköhler besonders gern tut. Wie zur Ermutigung hängt dort Pablo Picassos Spruch „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“. Auch eine Küche und einen Computer-Raum gibt es, wo die Erkrankten sich betätigen, lernen und zupacken können. „Für jeden von uns gibt es ein offenes Ohr, die Mitarbeiter helfen uns bei Problemen. Wir werden hier wertgeschätzt. All das gibt uns Kraft, weiterzumachen, und ich hoffe, wir sind auf einem guten Weg“, sagt Damköhler. Um den zu schaffen, führt ihr Weg vorerst weiter in ihr neues zweites Zuhause am Rajen in Westrhauderfehn.
Hintergrund
Laut verschiedenen Statistiken steigt die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme seit Jahren stetig. Die Techniker Krankenkasse hat eigenen Angaben zufolge errechnet, dass im Schnitt bei jeder fünften Erwerbsperson mindestens einmal im Jahr eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird. 36 Prozent der Frühverrentungen sind psychisch bedingt. Die Behandlung seelischer Probleme hat in Kliniken – gemessen an der Therapiedauer – Herzkrankheiten bereits von Platz eins verdrängt. Die häufigsten Diagnosen für eine Einweisung sind laut Barmer GEK Depressionen, Schizophrenie und Verhaltensstörungen durch Alkoholsucht.
Die „Tandem“-Tagesstätte in Westrhauderfehn ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr geöffnet.
Wer weitere Informationen möchte oder Hilfe sucht, kann sich dort unter Telefon 04952/ 8268290 oder bei der Kontaktstelle des sozialpsychiatrischen Dienstes des Landkreises Leer unter Telefon 0491/3024 melden.


