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Emder Zeitung, 23.10.2010
Datum:
26.10.2010
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„Zivis" - vom Aussterben bedroht?
1961 traten die ersten anerkannten Kriegsdienstverweigerer ihren Zivildienst an. Seitdem haben mehr als zweieinhalb Millionen junge Männer Zivildienst geleistet. Ab Dezember ist die Wehrpflicht und somit der Zivildienst, wie wir ihn kennen, abgeschafft. MIRIAM STABER hat deshalb den Emder Zivildienstleistenden Christoph Constapel besucht.
Der 19-Jährige bekommt oft zu hören, dass er ,,zur aussterbenden Art" gehört. Die Wehrpflicht wird abgeschafft, in Folge dessen fällt auch der Zivildienst weg und damit auch die über 60 000 Zivis, die bundesweit in sozialen Einrichtungen arbeiten.
Ein Rückblick auf 35 Jahre zeigt eine interessante Entwicklung: Laut dem Bundesamt für Zivildienst waren 1975 etwa 15 000 Zivis im Einsatz. Bis 1999 sind die Zahlen kontinuierlich gestiegen, 1999 war der Höhepunkt: Fast 140 000 junge Männer absolvierten in diesem Jahr ihren Zivildienst. Seither sinken die Zahlen ebenso kontinuierlich - 2009 waren es knapp 66 000 Zivildienstleistende, für 2010 liegt der Durchschnitt bis Anfang Oktober bei 64 794. Allein in Niedersachsen waren Anfang dieses Monats 6345 junge Männer als Zivis im Einsatz.
Christoph Constapel findet es schade, dass es keine Zivis mehr geben wird: „Wir bringen frischen Wind, wir sind mit vollem Elan dabei! Uns Zivis fallen Dinge auf, die den langjährigen Betreuern manchmal in der Routine des Alltags nicht mehr auffallen", sagt Christoph.
Christoph Constapel ärgert sich nicht, dass er einer der letzten ist, die eben Zivi machen mussten: „Ich finde das eher doof für die, die nach mir kommen und noch nicht wissen, was sie später machen wollen". Klar gebe es zur Orientierungsfindung auch das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), aber als Zivi könne man einiges Geld mehr auf die Seite legen.
Aber nicht jeder ist so glücklich mit seinem Dienst, wie Christoph; „Auf unseren Ziviseminaren diskutieren wir viel - da sind auch welche, die nach ihrer Ausbildung jetzt Zivi machen müssen und die wissen nicht, wie nach der „Pause" ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind".
Doch fest steht: Die jährlich 60 000 Zivildienstleistenden in Deutschland sind eine wichtige Stütze für die Pflegeeinrichtungen und die fällt nun weg. Als Lösung wird der Ausbau des freiwilligen sozialen Jahres vorgeschlagen, außerdem gibt es Überlegungen für einen sozialen Pflichtdienst.
Das sehen der 19-jährige Constapel und seine Zivikollegen aber anders: „Eine Pflicht sollte es nicht geben, da ist doch dann keiner mehr motiviert". Außerdem halte der doch diejenigen auf, die schon genau wissen, was sie mit ihrer Zukunft anfangen wollen und eben nicht in den sozialen Bereich gehen wollen.
Der 19-jährige Zivi Christoph kann da ganz andere Geschichten erzählen: „Uns hat man noch Angst gemacht, zu viele Krankheiten zu erfinden, weil der spätere Arbeitgeber sich dann immer auf das,,T5"(Tauglichkeitsstufe 5: nicht wehrdienstfähig) berufen kann". Er befürchtet aber auch, dass da „einiges Wichtige im sozialen Bereich wegbrechen wird".
Christoph arbeite 38,5 Stunden pro Woche: Jeden Nachmittag. „ Ab halb 4 trudeln die Menschen mit Behinderung alle so nach und nach ein", erzählt er. Danach trinken alle gemeinsam Kaffee und essen Kekse in der wohnheimeigenen Cafeteria. „Und die lassen einfach mal über die Arbeit ab".
Sein Wochenarbeitsplan ist abwechslungsreich: Montags sei zum Beispiel „Bettenbeziehtag". „Da machen wir dann zusammen alle Betten und beziehen sie frisch". Und Donnerstags ist erzählt er Einkaufstag, da fährt der Zivi zusammen mit einigen der im Harsweg wohnenden 17 Menschen mit Behinderung ins Doc-Center und sie gehen zusammen shoppen. „Mir macht das Spaß, ich schlendere dann mit ihnen rum - dazu haben die hauptberuflichen Betreuer halt einfach keine Zeit". Weitere seiner Aufgaben sind Fahrdienste: Die Menschen mit Behinderung machen verschiedene Freizeitaktivitäten - „Der Christoph fährt mich immer zum Lebenshilfechor", erzählt die 57-jährige Karin und strahlt.
Sein persönliches Projekt sei musikalischer Art: „Ich will in meiner Zivizeit eine Band mit drei oder vier Menschen mit Behinderung auf die Beine stellen", erklärt der 19-jährige. Der 48-jährige Enno spielt Schlagzeug und Bass, außerdem soll es noch ein Keyboard und Gesang in der Band geben. Der 19-jährige spielt auch selbst in einer Band Lounge-Musik, dort komponiert er auch eigene Lieder. „Aber hier mach ich nur die Grundstöcke, ich will ja, dass das ihr Lied wird, und ihnen nicht nur mein Ding beibringen“.
Auch die Bewohner sorgen sich schon um die Zukunft: „Wir wissen gar nicht, wie das werden soll", sagen Oliver und Enno. Und zahlreiche Wohlfahrtsverbände haben schon erhebliche Bedenken über Personalengpässe geäußert: Der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher, forderte, mehr jungen Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu ermöglichen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will ab 2011 etwa 35 000 freiwillige Zivis, Männer und Frauen, bundesweit anwerben. Dann gäbe es erstmals auch weibliche Zivis.
Die Zentrale für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer (KDV) geht davon aus, dass das Ende des Zivildienstes keine wesentlichen Auswirkungen bei sozialen Stellen haben würde. In den vergangenen zehn Jahren seien weit über 100 000 Zivildienstplätze abgebaut worden, sagt KDV-Sprecher Peter Tobiassen. „Nichts ist zusammengebrochen." Deshalb meint er: „Der Zivildienst spielt an vielen Stellen keine große Rolle mehr." Zivildienststellen sind nämlich arbeitsmarktneutral, das bedeutet, dass sie keine vollwertigen Fachkräfte ersetzen und keine Arbeitsplätze verhindern.
Alle zwei Wochen hat Christoph Wochenenddienst: „Wir fahren zum Beispiel zu Oldtimer-Shows, oder gehen einfach mal nur an der Knock spazieren". Letztes Wochenende sei man zusammen auf den Kramermarkt in Oldenburg gefahren, das mache natürlich auch als Zivi Spaß.
„Ich liebe meinen Zivildienst - es ist einfach eine tolle Gelegenheit mal in das Arbeitsumfeld reinzuschnuppern, in dem ich später auch tätig sein möchte“, erklärt der 19-jährige. Auch die Ziviseminare machen ihm Spaß:“ Mit Leuten aus ganz anderen Städten zu diskutieren, das ist schon sehr interessant“.
Schon „von Kinderschuhen an“ hatte Christoph mit Menschen mit Behinderung zu tun: „Mein Opa hat früher in Norden in einer Werkstatt gearbeitet, den hab ich da manchmal abgeholt -deshalb hab ich auch keine Scheu".
„Jaja, und wir Zivis sind dann teilweise hinter den FSJ-lerinnen her, wir gebenuns da alle nix - wie wird das wohl in der Zukunft? ", lacht er und schäkert weiter mit Oli über Frauen.


